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Wuppertaler Rapper Prezident im Interview

Prezident, ein talentierter Wuppertaler Rapper, Baujahr 84, veröffentlicht morgen, am 07.04 sein mittlerweile viertes Release und stellt dieses zum kostenlosen Download. Nachdem ich, um das Preview zu schreiben vorher reinhören durfte, war ich so begeistert, dass ich ihn interviewen wollte. Was dabei rauskam, gibt es hier zu lesen.

Als erstes stell dich doch mal vor, für all die, die noch nicht die Faszination Whiskeyrap genießen durften und erkläre was dich deiner Meinung nach von den anderen deutschen Rappern hervorhebt?

Prezident:

Dass ich bereits von Jesus als „Opfer“ bezeichnet worden bin, mir Charles Bukowski aus dem Seitenfenster gekotzt hat und außerdem habe ich den Teufel bei ICQ in meiner Freundschaftsliste.

Achso, vorstellen noch: Viktor heiße ich, oder halt Prezident, Wuppertaler, 23 und ich rappe und produziere seit so neun Jahren.

Morgen, am 07.04 erscheint dein viertes Release, „kleiner Katechismus“. Was bedeutet der Titel für dich und wie kamst du auf ihn?

Prezident:

Hauptsächlich klingt er einfach geil, find ich. Bedeuten tut er eigentlich gar nix so wirklich. Als ich auf ihn kam, hatte ich mich viel mit Luther beschäftigt innerhalb meines Studiums, daher kam ich wohl auf die Idee.

Viel mit Luther zutun, inwiefern? Bist du gläubig?

Prezident:

Ich studier ja Germanistik und Geschichte und innerhalb von letzterem hatte ich viel mit Luther zu schaffen. Einerseits weil ich musste, andererseits find ich Luther auch einfach faszinierend. Er ist ja einer der Wegbereiter der deutschen Sprache durch seine Bibelübersetzung und überhaupt seine Schreiberei und war auch einfach ein sehr sprachgewaltiger Mensch, der immer wieder Passagen in seinen Texten hat, die ich feier.

Gläubig bin ich allerdings nicht. Es ist mehr son ästhetisches Ding, ich mag die Sprache und ich mag die Filme, die sich religiöse Menschen fahren. Aber mehr aus so ner angenehm befremdeten Perspektive.

Kommen wir zurück zum kleinen Katechismus. Welcher der 11 Tracks ist dein persönlicher Favorit und weswegen? 

Prezident:

Hmmm, schwere Frage. „Fickfilm“ ist für mich lyrisch ein absolutes Highlight. Ich hatte schon vor Jahren vor, mal richtig schön übers Ficken zu
rappen, weil das ja witzigerweise überhaupt niemand macht wirklich. Die ganzen Pornoatzen machen ja mehr so Comedy-Rap zum Thema Ficken; so Leute wie Snaga
& Pillath halt Punchlinerap, wo es dann um die eigene, auch sexuelle Omnipotenz geht, aber so richtig ernsthaft übers Ficken habe ich bis jetzt eigentlich nur Absztrakkt rappen hören. Und „Fickfilm“ ist dann zusätzlich noch ein surrealer Storyteller in der Tradition von „Letzte Nacht bin ich verrückt geworden“ geworden und die Kombination gefällt mir enorm. Ansonsten ist „Rotz & Wasser“ flowtechnisch ein Highlight in meinen Augen, „Lieber Gott, schlag mich tot“ ist vom Gesamtkonzept ein sehr stimmiger Song und wäre in einer gerechteren Welt wohl die Hitsingle zum Album geworden mit einem Video, in dem ich von einer wunderschönen Blondine in einer Garage gefoltert werden würde… Ich glaub, das sind so meine persönlichen Highlights, insgesamt.

Fickfilm ist auch mein Favorit, neben in Wohlgefalln. Gibt es eigentlich die 18,19 jährige Nachbarin in echt oder ist das Ganze nur rein fiktiv?

Prezident:

Die gibbet. Die hat aber mittlerweile Jalousien.

In meinem zweiten Favoriten, „in Wohlgefallen“ spiegelst du ja die Storry von Lenz zeitgenössisch auf deine Art und Weise wieder. Gab es für Ben ein besonderes Vorbild

Prezident:

Nö, nicht wirklich. Vielleicht hier und da eine Kombination von Menschen, die ich kenne, die auch viel rumhängen und sich seltsame Filme fahren. Also vielleicht
auch ich selbst. Die Idee, eine Art modernes Remake von Büchners „Lenz“ zu machen ist aber auch nur der gedankliche Ausgangspunkt des
Ganzen gewesen, die Unterschiede sind ja im Endeffekt doch beträchtlich. Wobei, der eigentliche Ausgangspunkt ist folgender gewesen: Ich sitze im Burger King mit dem Malte, meinem DJ und schaue aus dem Fenster und es ist halbdunkel und ein Fernseher im King drin spiegelt sich in der Glaswand, so dass es aussieht,
als würde die riesige weiße Fassade des gegenüberliegenden Staples flimmern. Dabei kam mir die Idee zu dem Text.

Also Staples ist so ne Büroartikelkette, falls es die net überall gibt. Also, ein großes Gebäude halt, darum geht es.

Deine ersten Releases waren ja eher Battlerapmäßig gehalten. Wenn man „kleiner Katechismus“ hört denkt man an alles andere. Die besten Beispiele dafür sind die gerade genannten Tracks. Wie kommts, dass du deinen Stil etwas abgeändert hast?

Prezident:

Meinste die Sachen zu der Zeit als EMP ?

Ja.

Prezident:

Naja, ich hab halt n paar Jahre gerappt, ohne ne Idee zu haben, worüber. Und deshalb hab ich gemacht, was alle gemacht haben, nämlich Battlerap. Und irgendwann, seltsamerweise ab dem Zeitpunkt, wo meine Sachen langsam hörbar wurden, also mit dem Album „EMP Cribz“ von Ende 2004, hatte ich da keinen Bock mehr drauf. Ich hatte schon auf dem Album hier und da neue Dinge ausprobiert, hab versucht, meine Sachen sprachlich innovativ zu gestalten, hatte drei, vier recht ordentliche Storyteller drauf… aber der Haupttenor war dieses 08/15-Battleding, dass mir mittlerweile unfassbar uninteressant vorkam. Außerdem hatte ich da erst so richtig gemerkt, wie viele einfach ähnlich rappen. Es klingt natürlich strange, weil ich zu dem Zeitpunkt ja bereits seit sechs Jahren gerappt hab, aber erst ab da habe ich meinen Stil gefunden. Mir ist irgendwann halt einfach eingeleuchtet, was mit Rap alles möglich ist, wenn man sich aus den ganzen üblichen Formeln löst, z.B. aus diesen battlerapüblichen Ich-Du-Antagonismen… Bukowski war sicherlich n extremer Ideenlieferant, weil alles bei dem so leicht übertragbar war. Ich hab Sachen von dem gelesen, da fehlten im Prinzip nur noch Reime: Die waren schon pointiert, punchend, auf den Punkt und einfach extrem kreativ. Außerdem natürlich sein Image eines Versagers und Arschlochs, dass als Schriftsteller aber einfach auf eine sehr unverblümte, ehrfurchtsgebietende Art und Weise entwaffnend ehrlich ist. Aber auch Tom Waits habe ich zu der Zeit erst richtig abgefeiert und den melancholisch-dreckigen
Vibe seiner Balladen wollte ich unbedingt auch immer reinspielen haben in meinen Texten…

Du hast ja die meisten der Beats auf deinem aktuellen Album selbst produziert. Womit machst du deine Beats? Außerdem finde ich, dass die Beats sich insgesamt alle sehr von den normalerweisen auf fast jedem Relaese vorhandenen Piano oder Violinen Beats hervorheben. Gibt es einen Grund warum du eher „spezielle“ Beats benutzt?

 Prezident:

Naja, einerseits ist mein Musikgeschmack einfach tendenziell dreckig. Was Hip-Hop angeht, mag ich den alten New York-Sound von Anfang/Mitte der Neunziger, also

so Sachen wie Mobb Deep, Nas und vor allen Dingen die Klangästhetik des Wu-Tang-Clans. Das ist die Basis des Sounds, den ich anstrebe, gleichzeitig
will ich aber nicht nur kopieren, sondern was Neues schaffen. Und zu guter Letzt höre ich ja nicht nur Rap, ich liebe Tom Waits, diese abseitigen und
immer wieder abartig schönen, knarzigen Klanggebilde. Alter, ich werde mit einem sooo breiten Grinsen abtreten, wenn ich einmal Mucke mache, die nur
annähernd so gut ist. Mein Musikgeschmack mag es einfach selten wirklich glatt und gut durch produziert, ich stehe eher auf abseitige Dinge. Und das ergibt in Kombination
mit meinem musikalischen Unvermögen die Beats, auf die ich rappe. Wobei ich in Zukunft eher weniger selber produzieren werde, ist mir mittlerweile n bissel zu
zeitaufwendig, heißt: Ich habe nicht mehr die Geduld, auf Samplesuche zu gehen, weil ich z.B. von Arbeit und Uni zu sehr eingespannt bin. Ich sample ja nur,
ich bin da ja n bisschen beschränkt. 

Was macht, neben den von dir gerade erwähnten dreckigen Beats, für dich ein gutes Album aus und würdest du „kleiner Katechismus“ als ein solches bezeichnen?

Prezident:

Hmmm, was ein gutes Rapalbum angeht, gibt es nichts was muss; was andere Genres betrifft, noch weniger. Aber tendenziell bin ich Fan des
Klischee-Klassiker-Albums: Nur zwischen 9 und 13 Songs, kaum Features, Sound aus einem Guss, was heißt: aus den Händen von einem oder ein paar sich
soundästhetisch nahe stehenden Produzenten. Was mein eigenes Album angeht: Ehrlich gesagt könnte es besser sein. Es ist
nicht das Überalbum, was ich im Sinn hatte, irgendwie bin ich auf den letzten Metern n bisschen gestrauchelt, nachdem ich zwischendurch echt der Meinung, ich
würde da gerade an einem potentiellen Klassiker sitzen. Aber gut ist es auf jeden Fall.

Welche Alben entsprechen denn deiner Vorstellung und was hörst du zurzeit so in deiner Freizeit?

Prezident:

Naja, was Rap angeht, sind für mich nach wie vor die Debüts von Nas, Biggie und Wu-Tang und „Blueprint“ von Jigga die Überalben überhaupt… plus die
beiden RAG-Alben, die sind auch unfassbar. Ich hoffe arg, das Aphroe-Album erfüllt meine unerfüllbaren Erwartungen.
Ansonsten höre ich, wie gesagt, unendlich viel Tom Waits, der hat ja schließlich auch ungefähr 30 Alben gemacht, von denen ich bis jetzt nur 20
kenne. Der Soundtrack zu „Old Boy“ läuft auch seit Jahren auf Dauerrotation bei mir. In letzter Zeit: Von Huss & Hodn das Album fand ich
fresh, das neue vom Dilemma… Von Absztrakkt hab ich mir die „Heiligen Rollen“ klargemacht und skipp mich immer wieder gerne von einem Absz-Part
zum nächsten… Joah, das war so in letzter Zeit. Auf das neue Prodigy-Album freu ich mich, hoffentlich kann das was.

Aber bestimmt habe ich auch irgendwas vergessen…

Inwiefern hat das Trinken deine Musik beeinflusst? Schreibst oder recordest du manchmal wenn du betrunken bist?

Prezident:

Hmmm… Ich mag Alkohol und das eignet sich zur Stilisierung. Das ist eigentlich alles. Wobei ich niemals aufnehme, wenn ich betrunken bin und auch schreiben
funktioniert dann meistens net mehr so wirklich.

Wenn du dich selbst Interviewen dürftest, was würdest du dich alles fragen?

Prezident:

Ui, das hatte ich mir schonmal überlegt, mich selbst zu interviewen. Aber war mir dann doch zu albern. Aber ich weiß ja schon alles, was ich mich fragen würde…
Das heißt, es kann nur um die Antworten gehen. Die Frage müsste also lauten „Wenn (…), was würdest du antworten?“ Gute Frage. Kein Plan.
„Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit RZA, Waits und Ennio Morricone auf deinem Album“ würde ich mich gerne mal fragen.

 Und was würdest du antworten?

Über Myspace (lacht)!

Oben hast du ja schon erwähnt wen du an deutschen Rappern alles hörst. Was hälst du insgesamt von der deutschen Rapszene und was denkst du hält sie von dir bzw. wünscht du dir was sie von dir hält?

Prezident:

Ich halte die deutsche Rapszene als solche für nicht existent, nur einzelne Rapper. Und die sind größtenteils peinlich, teilweise aber auch extrem kreativ. Ich bin
ja eh der Meinung, wir sind in einer Art „Golden Era“ des Deutschrap. Marteria hat die besten Beats, die ich seit langem gehört habe, Maeckes und
Plan B machen extrem innovatives Zeuch und gute Rapper gibts sowieso extrem viele mittlerweile. Fehlen eigentlich nur noch die Klassikeralben, an denen
hapert es noch n bisschen. Aber vielleicht kann das mp3-Zeitalter überhaupt keine Klassikeralben mehr hervorbringen, kann auch sein.
Naja, wie auch immer. „Die Szene“ gibt es halt nicht (auch wenn ich bei „Rap ist Rap“ über „die Szene“ rappe, aber das war ein
Versehen und der Track ist eh der zweitschwächste aufm Album) und daher kann sie auch nix von mir halten. Die meisten Rapmenschen kennen mich nicht, Tendenz
sinkend, hoffe ich doch und die, die mich kennen, finden mich wohl teilweise fresh und haben damit Recht, find ich. Wenn das noch ein paar mehr werden, wär
gut. Dürfen aber auch gerne Menschen sein, die sonst keinen Rap hören.

 

Meine Mutter feiert deine Musik sehr! Die hat sich heute kleiner Katechismus beim Bügeln angehört. Wie sieht es mit dem Haarwuchs aus? Wirst du sie irgendwann wachsen lassen?

Prezident:

Hatte ich mal vor. Dann wollte ich Fotos zum Album schießen lassen und hab sie mir abrasiert, weils noch nix Halbes und nix Ganzes war. Und die Fotos habe ich
dann doch nicht gemacht, weils geschneit hat. Lange Rede, kurzer Sinn: Kein Plan. Vielleicht.

Weswegen hat ein Rapper wie du keinen Vertrag?

Prezident:

Ich hab diverse Verträge. Einen mit Vodafone, einen mit der Telekom, einen mit meiner Vermieterin, einen mit meinem Arbeitgeber…
Nein, das Ding ist: Würde mir morgen jemand 20.000 Euro dafür geben, dass er mein nächstes Album rausbringt, würde ich sagen: Klar, gerne. Aber die
Industrie ist am Ende, wenn du mich fragst, mit Tonträgern is keine Kohle mehr zu holen. Ich habe deshalb keinen Vertrag, weil mir nie einer angeboten wurde
und ich keinen hinterherrenne, weil es nun mal heutzutage keine Verträge gibt, die einem sonderlich was bringen.

Wie kamst du auf den Whiskeyrap und was ist Whiskeyrap?

Prezident:

Whiskeyrap klingt gut und bleibt hängen, wenn mans hört. Und die Domain www.whiskeyrap.de war frei, während das bei Prezident in allen möglichen Variationen nicht der Fall war.

Du studierst ja Germanistik und Geschichte. Wie denkst du müsse ein guter Lehrer heutzutage sein um die Schüler zu erreichen und ihnen was beibringen zu können?

Prezident:

Er sollte selbst interessant finden, was er lehrt. Das wär schon mal ein guter Anfang, der oft nicht gegeben ist

In deiner Freizeit ließt du ja viel und beschäftigst dich auch mit Filmen. Welche Filme und Bücher haben deine Kindheit geprägt? Und welche Musik? 

Prezident:

Was ich als kleines Kind gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Den Paten glaub ich. Und die Tagebücher von Laura Palmer. Danach habe ich gar nix mehr gelesen bis
zur Oberstufe oder so. Und das mit dem exzessiven Filmgucken ist auch erst vor ein paar Jahren durch einen cineastisch veranlagten Freund von mir entstanden.

Denkst du, dass du der durchschnittliche Besucher eines Rap-Konzerts die richtige Adresse für deine Musik ist?

Prezident:

Ach, weiß ich nicht, wieso nicht. Ist ja auch für den gut, mal zu hören, was Rap noch so alles kann.

Noch irgendwelche abschließenden Worte deinerseits?

Prezident:

Hmmm… nö.

Dann bedanke ich mich recht herzlich für das Interview und wünsche dir viel Erfolg mit deinem Album!



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